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So funktioniert Journalismus: Generation Porno

Die „Stuttgarter Zeitung“ brauchte offenbar einen Anlass, um den reißerischen Titel „Generation Porno“ noch einmal aufzutischen. Den fand sie in den Abwegen einer 13-jährigen:

Die 13-Jährige bezog zu Hause Prügel und behauptete dann zum Schutz, sie sei zum Sex gezwungen worden.

Das alles, so weiß die Zeitung dann, sei „nur die Spitze eines Eisberges“ und die Journalistin Kathrin Wesely beginnt von „Grauzonen“ und „Verwahrlosung“ zu reden. Der Eindruck, den der Leser bekommen soll, ist klar: In Wahrheit sind längst große Teile der Jugend sexuell verrottet.

Bleibt die Frage, warum, und da müssen natürlich „Fachleute“ her. Urban Spöttle-Krust zum Beispiel. Der weiß, dass eine ganze Elterngeneration „versagt“ hat. „Sie hätten die erzieherische Aufgabe, ihre Kinder sexuell aufzuklären, an die Pornoindustrie delegiert“, schreibt die Zeitung. Aha, an die Pornoindustrie, an wen denn sonst, und dafür hat man gleich noch einen Kronzeugen: Jakob Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung. Was hat der also bedeutendes zu sagen? „Pornografie entwickelt sich zum Leitbild für die, denen die Leitbilder abhandengekommen sind.“

Wir wüssten natürlich, wem, wie und wann die Leitbilder abhanden gekommen sind, doch statt einer Antwort werden wir auf die Dr.-Sommer-Studie verwiesen, die angeblich besagt, dass 74 Prozent der 13- bis 17-jährigen Jugendlichen Pornos konsumierten. Was gar nichts beweist, denn das heißt noch lange nicht, dass sie siech auch daran orientieren.

Zitieren wird doch mal aus der Studie (nach dieser PM), die da reißerisch verwendet wird, so lesen wir:

Von einer oft zitierten „Generation Porno“ kann nicht die Rede sein: 1 % der Mädchen und 8 % der Jungen schauen regelmäßig Pornografie. 35 % der Jungen geben zu, „hin und wieder“ zu konsumieren.Dennoch: 57 % aller befragten Mädchen und 67 % der Jungen hatten schon Kontakt mit pornografischen Bildern oder Filmen. Der Konsum nimmt bei den 13-Jährigen deutlich zu: 35 % der 11- bis 12-Jährigen im Vergleich zu 74 % der 13- bis 17-Jährigen.

Nun ja, man muss ja nicht alles so genau zitieren, nicht wahr? Hauptsache alles passt wieder zur Überschrift „Generation Porno“, und da wird dann noch dies daraufgesetzt: „der ganze übersexualisierte Alltag setzt sowohl die Jungen als auch die Mädchen unter Druck, den vorgeführten Idealen zu entsprechen. Das beobachten Pädagogen und Jugendpsychologen seit längerem.“

Der „ganze übersexualisierte Alltag“ ist ein Klischee., Der Alltag heutiger Schüler ist schon deswegen nicht übersexualisiert, weil der Leistungsdruck stark ist. Mag sein, dass ich die oder der eine oder andere im Gruppensex oder Flaschendrehen oder wo immer sonst ein Ventil verschafft – es mag sogar sein, dass sich ein paar Dummbacken Pornovorlagen für die Liebe nehmen. Aber deswegen werden die Ideale noch lange nicht aus der Pornografie bezogen, auch wenn dies vereinzelt von „Pädagogen und Jugendpsychologen“ behauptet wird.

Haben Sie jetzt einen Eindruck davon bekommen, wie Journalismus funktionieren kann? Übrigens frage ich mich, wem dieser Artikel der „Stuttgarter Zeitung“ letztendlich dienen soll. Der Jugend dient er jedenfalls nicht.

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