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Können Deutsche eigentlich erotisch?

Können deutsche Autorinnen und Autoren eigentlich erotisch schreiben? Die Frage ist nicht so vermessen, wies sie klingen mag. Denn welche Vorbilder haben wir denn schon? Julchen und Jettchen auf der Leipziger Messe? Zwei Verkäuferinnen, recht blauäugig, aber neugierig, die einer Kupplerin in die Hände fallen?

Im Grunde entspricht der Roman ja dem, was man sich so vorstellt: Jünglinge und wohl auch Mägdelein öffnen mit zitternden Händen das Buch und suche nach den Stellen, wo das Harte in das Weiche geschoben wird. Ein bisschen verschärfte „Aufklärung“, von Moralisten auf das Heftigste verdammt.

Nur – da waren andere schon viel weiter, und dies viel früher. Die Neugierde, das herauszufinden, was offenbar so geheim war, dass es Frauen gar nicht wissen duften, machte ja nicht vor Lexika halt. So war es zu Anfang des 17. Jahrhunderts (1602) ausgerechnet ein Ratgeber für Beichtväter, der nicht nur die „gewöhnlichen Sünden“, sondern auch höchst ungewöhnliche Praktiken offenlegte. Es sei, so schreibt der Autor Werner Fuld über das Werk des Jesuiten Thomas Sanchez:

„Das klassische Kompendium aller denkbaren Variationen des sexuellen Lebens, das jeden Einzelfall mit der größten Gründlichkeit abhandelt“

Was übrigens absolut verständlich ist, denn wonach, bitte schön, sollte der Priester die Sünderinnen und Sünder denn fragen – er, der doch eigentlich ahnungslos sein sollte, wie der Geschlechtsverkehr in der Praxis funktioniert. Übrigens sind die Schilderungen so detailliert, das selbst heute noch manche feine Dame dabei erröten dürfte.

Diese Geschichte zeigt aber zugleich den Haken an allem, was über die Sexualität geschrieben wurde und geschrieben wird: Das Detail an sich ist nicht sonderlich erregend, es sei denn, man sei wirklich völlig schimmerlos. Wie denn überhaupt sogenannte „Aufklärungsbücher“ aller Art nur auf jene erregend (oder auch eklig) wirken, die völlig ahnungslos sind. Wer den Geschlechtsverkehr einmal in irgendeiner Form genossen hat, will eine Übersteigerung des zeit- und kulturbedingt Möglichen – was er selber beherrscht, wird ihm langweilig.

Will der Deutsche zu sehr am Kern der Probleme herumnagen? Will er zugleich zügellos sein, aber dabei in jedem Fall alle geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze einhalten? Muss er zu oft den moralischen Zeigefinger heben?

Eines, so scheint mir, ist beim Deutschen sicher: Sex darf auf keinen Fall richtig frivol sein und dabei noch eine Menge Spaß machen. Eine Journalistin, die wechselweise Männer und Frauen liebt und zu oft davon begeistert ist? Eine absolut schamlose, aber dennoch genussvoll erlebte Verführung des jungen Mannes durch eine Küchenhilfe? Eine 50-Jährige, die sich wollüstig ein paar Kerlchen gönnt?

Oh, oh … das geht gar nicht. Schon werden Autorinnen und Autoren wieder darauf hingewiesen, dass man den Geschlechtsakt selber doch tunlichst ausblenden solle. Die Andeutung würde im seriösen Roman durchaus reichen.

Wobei der Rückschluss sehr interessant ist: Offenbar sind Romane, in denen Vaginen extrem feucht schlüpfrig sind und aus knüppelharten Penissen Fontänen von Spermaflüssigkeit spritzen, nicht seriös. Doch halt – spielte nicht gerade die Sexualität an vielen Scheidewegen unseres Lebens die entschiedene Rolle? Warum wählten wir Wege und Irrwege? Warum ließen wir uns auf so viele oder so wenige Lusterfahrungen ein? Warum taten wir immer dies und probierten nie jenes?

Wenn sich, wie manche Moralapostel glauben, Charakter und Sexualität nicht trennen lassen, dann muss es wohl so sein, dass sie einander beeinflussen. Sprich: Das sexuelle Erleben beeinflusst die Persönlichkeit, und die Persönlichkeit beeinflusst wiederum das sexuelle Leben. Egal, wie man es dreht und wendet: Wenn die Sexualität in der Literatur vermieden oder abgedrängt wird, leidet die Wirklichkeit. Damit treibe ich durchaus bewusst ich einen kleinen Dorn ins Fleisch der Moralisten. Denn die Sexualität ist ein Vulkan, der jederzeit ausbrechen und das Gehirn vernebel kann. Und dies ist das kleine Kunststück von Mutter Natur, das absolut so gewollt ist.

Und was wäre das Fazit? Sprachmächtige deutsche Autorinnen und Autoren „seriöser“ Romane dürfen ruhig etwas sinnlicher werden – dann wären sie vermutlich auch ehrlicher.

Können Deutsche nun erotisch oder nicht? Ach, sagen Sie doch bitte etwa dazu!

Hinweis: Dieser Artikel kann in mehreren Publikationen erscheinen.

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